Das untergebrachte Volk

Updated: Oct 31, 2019

Mein Herz schlägt immer schnell, wenn ich einem Polizist begegne. Ich kann schwer den Gedanken loswerden, vom syrischen Geheimdienst verfolgt zu sein. Der Alptraum, dass ich in Syrien eingesperrt bin und meine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland abgelaufen ist, sucht mich oft nachts heim. Was für eine Tragödie ist es, dass die angebliche eigene Heimat nur mit Albträumen verbunden ist?



Das einwilligungsunfähige Volk


Als Syrer, der erst seit drei Jahren in Deutschland lebt und die Welt durch die Brille der politischen und menschlichen Enttäuschung sieht, muss ich immer hypothetische Vergleiche in meinem Kopf führen. Seit einem Jahr arbeite ich als Assistenzarzt in einer psychiatrischen Klinik in einer Stadt in der Mitte Deutschlands. Der Begriff “Die Einwilligungsfähigkeit” gehört zum Alltag in der Psychiatrie. Es ist unsere Aufgabe als Psychiater zu entscheiden, ob ein Patient einwilligungsfähig ist oder nicht. Die Einwilligungsunfähigkeit bedeutet, dass ein Mensch aufgrund einer Störung der Geistestätigkeit seinen Willen nicht frei bestimmen kann.

Auf der geschlossenen Station werden schwerkranke Patienten deswegen eingesperrt. In Deutschland darf man aber die Menschen nicht so einfach festhalten. Ein Richter muss das entscheiden und es muss eine juristische Genehmigung dafür geben. Das geht nur, wenn die sogenannte „Einwilligungsfähigkeit“ nicht mehr gegeben ist. In Deutschland sind die Freiheit und die Notwendigkeit zur Einwilligung der Menschen nicht so einfach wegzunehmen.

Ich sehe manchmal die geschlossene Station als kleines Syrien an. In dem Bild ist das syrische Volk seit 45 Jahren durch eine der schlimmsten Diktaturen der Welt in seinem Land untergebracht. Leider stimmten die UN sowie der Weltsicherheitsrat dieser Unterbringung als „Richter“ zu.

Das Assad-Regime sieht uns, Syrer und Syrerinnen, als einwilligungsunfähiges Volk. Wären wir frei, wären wir gefährlich. Assad sagte 2011 in einem Interview gegenüber dem Wall Street Journal: “Vor der politischen Reform muss eine gesellschaftliche Änderung erfolgen”. Assad versteht sich nicht als Präsident, der seinem Volk dient, sondern als Betreuer, der weiß, was das Beste für seine Patienten ist.

Das ist bedauerlicherweise nicht nur seine Haltung, sondern auch die Haltung vieler westlicher Politiker. Die Welt sieht uns ebenfalls manchmal als einwilligungsunfähiges Volk.


Der legale Weg der Verbrechen


Der Westen bevorzugt, nach wie vor, den Kontakt mit Assad zu halten. Nationalpässe müssen unbedingt und ausschließlich durch seine Botschaften erstellt werden. Auch hier in Berlin, wo man das Bild des Diktators, der sein Land in Schutt und Asche legte, an der Wand hängen sieht. Ein Signal für das Unrecht und für das “Überleben der Stärksten”. Es wird leider nicht anerkannt, dass die Würde der wegen Assad Geflüchteten dadurch verletzt wird. Die AfD-Abgeordneten, die Assad im Jahr 2017 besuchten, bezeichneten uns, die Syrer und Syrerinnen, als sehr undankbar. Schließlich füttere uns der Diktator und garantiere unseren Kindern kostenlose Schulen. Es wird nicht anerkannt, dass es sich hier auch um unsere Würde und Freiheit handelt. Solange Assad uns füttert, sollen wir brav und dankbar sein, da die politische Stabilität im nahen Osten an erster Stelle kommt. Von Menschenrechten ist seit langem nicht mehr die Rede.

Es ist offenbar und statistisch erwiesen: Das Assad-Regime ist brutaler als der IS. Trotzdem wird noch immer, in Deutschland sowie in der ganzen demokratischen Welt, der Besuch eines solchen Verbrechers wie Assad toleriert, weil er seine Verbrechen im Namen eines anerkannten Staates unternahm und weil seine Verbrechen nur sein eigenes Volk betrafen. Der IS jedoch, wird nicht toleriert. Nicht nur weil dieser ein mittelalterliches und barbarisches System anführt, sondern weil dieser mit dem “legalen Weg” der Verbrechen durch einen anerkannten Staat nicht einverstanden war. Assad kennt sich sehr gut mit dem legalen Weg der Verbrechen aus, und ist darüber hinaus bis jetzt im Amt. Je mächtiger er sich zeigt, desto mehr wird er toleriert und sogar respektiert.


Der Aufstand der autoritären Staaten


Putins Russland befürchtet auch, dass die Völker ihre eigene Einwilligungsfähigkeit wieder übernehmen. Das lässt sich in der Ukraine genauso sehen wie in Syrien. Putin will nicht, dass sich dieser ansteckende Freiheitsgeist weiter verbreitet. Rohani im Iran, die Machthaber in Saudi-Arabien und den anderen Golfstaaten sorgen dafür, dass die Menschen in Syrien, Jemen, Ägypten und Libyen, durch Diktaturen untergebracht bleiben. Heutzutage bietet Russland eine sehr attraktive Alternative für alle Autoritäten. Europa und die USA tun nichts, um die Demokratie zu schützen.

Demokratiefeinde arbeiten zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Demokratie, moralische Werte und Sicherheit sind in Gefahr, so lange es “einen Assad” gibt. Auch so lange ein Diktator, dessen Verbrechen nicht zur Rechenschaft gezogen werden, an der Macht bleibt, nur weil er der Mächtigste ist.


Die Lektion der letzten acht Jahren


Das Versagen der syrischen Opposition, politisch und militärisch, ist offenbar ein Teil dieser andauernden Katastrophe. Das Chaos, der Mangel an der politischen Erfahrung, die giftige Radikalisierung und die Fremdeinwirkung dienten unter anderem diesem dramatischen Versagen. Aus den schlimmen Fehlern zu lernen, sich auf die demokratischen Werte zu einigen, die richtige Politik zu verfolgen und im Interesse der Bevölkerung in Syrien, nicht der eigenen Partei, zu arbeiten sind unerlässliche Voraussetzungen, wenn die Opposition wirklich etwas ändern und die Verantwortung für unser Land übernehmen will. Wir, als jugendliche demokratische Syrer und Syrerinnen, sind keine Minderheit. Wir erkennen das sehr gut und versuchen, diese Botschaft zu verbreiten.


Für die Welt ist hier eine Tatsache: Eine Welt ohne Assad ist eine sichere Welt. Wieso erwartet man von einem hilflosen Menschen, der grundlos seine Familie und alles verlor, normal zu sein und in seinem Alltag immer problemlos zu funktionieren? Die Menschen werden die Tage im Norden von Syrien durch russische Luftangriffe wörtlich rücksichtslos vernichtet. Wieso passiert im Jahr 2019 sowas, dass ein Fanatiker wie Assad sein eigenes Land mit Unterstützung fremden Staates zerstört, nur damit er an der Macht bleibt. Das zu normalisieren, ist ein anderes Verbrechen. Es ist nicht so einfach für diejenigen, die den Horror des Assads Syriens erlebten, normal zu bleiben. Es ist eine Aufgabe, normal zu bleiben. Für manche Syrer ist es eine Leistung, die Energie und Kraft kostet, normal zu bleiben. Die Heilung wird dann anfangen, wenn es ein Ende dieses Terror-Staates gibt. Bis die Welt das versteht, werden wir, Syrer und Syrerinnen, jede Nacht hoffen, dass wir vernünftig bleiben und weiter funktionieren.


Entlassung


Mein Patient wird normalerweise nach einigen Tagen wieder gesund in die Freiheit entlassen. Ärzte und Juristen sorgen dafür, seine Würde nicht zu verletzen. Wir, Syrer und Syrerinnen, warten auf den Moment, an dem unsere 45-jährige Unterbringung endlich aufgehoben wird. Wir warten darauf, entlassen zu werden. Europa und alle demokratischen Staaten sollten das deutlich gesehen haben: Demokratie ist nicht selbstverständlich. Assad nicht zu rehabilitieren ist nicht nur für Syrien wichtig. Assad nicht zu rehabilitieren dient dem Ziel, die Demokratie überall zu schätzen und zu schützen. Ein Ende der Herrschaft der Familie Assad dient auch dem Ziel, ein erneuter Krieg in 15 Jahren zu vermeiden. Unsere Eltern erlebten den Horror des Vaters, Hafez, und wir den Horror des Sohnes, Bashar. Unser Kinder dürfen den Horror des Enkelsohns, wieder Hafez, nicht erleben. Das zu verhindern, ist unsere moralische Aufgabe. Eine Welt ohne Assad ist definitiv eine bessere Welt.

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